Wenn ein neuer Abschnitt beginnt
Wenn der Übergang vom Kindergarten in die Schule immer näher rückt, dann ist es Zeit für die Vorschule. Und damit auch Zeit für Eltern sich die Frage zu stellen: Soll mein Kind schon in die Vorschule der Grundschule wechseln oder lieber noch ein Jahr in der Kita bleiben? Für beide Wege gibt es gute Gründe.
Doch um diese Entscheidung gut treffen zu können, lohnt es sich zunächst zu verstehen, worum es in der Vorschule eigentlich wirklich geht und warum das Vorschuljahr so wichtig für den Übergang in die Schule ist. Und vielleicht ist es nicht die richtige Frage, ob ein Kind schon bereit ist zur Schule zu gehen, sondern vielmehr was es noch braucht um bereit zu sein.
Wofür ist die Vorschule da?
Wenn von Vorschule die Rede ist, denken viele zuerst an schulische Inhalte. Oft entsteht der Eindruck, dass Kinder in der Vorschule vor allem eines lernen sollen: Rechnen, Schreiben und Lesen. Und obwohl zum Legen eines starken Bildungsgrundstein natürlich auch das Heranführen an Zahlen, Mengen und Buchstaben gehört ist dies bei weitem nicht die einzige Aufgabe der Vorschule. Denn in der Vorschulzeit muss etwas viel Grundlegenderes passieren.
Im letzten Jahr in der Kita bauen Kinder vor allem grundlegende Fähigkeiten für das Leben und Sich-Bewegen in einer Gemeinschaft aus. Regeln verstehen, mit kleinen Enttäuschungen umgehen, Geduld entwickeln und Rücksicht nehmen. Diese Fähigkeiten wachsen über Zeit, durch Erfahrungen und durch den Kontakt mit anderen Kindern. Die Kinder erleben, wie es ist zuzuhören, andere ausreden zu lassen, sich einzubringen, zu warten, sich durchzusetzen und manchmal auch zurückzunehmen. Sie lernen Konflikte auszuhalten und Lösungen zu finden.
Gerade im Alltag der Kita entstehen diese Erfahrungen ganz natürlich: im gemeinsamen Spiel, in Gesprächen, in kleinen Auseinandersetzungen, die am Ende oft genauso wichtig sind wie ihr Ausgang.
Das letzte Kita-Jahr bietet dafür einen besonderen Raum. Es ist eine Zeit, in der Kinder wachsen dürfen – nicht nur in dem, was sie können, sondern in dem, wie sie sich selbst erleben.

Wie Kinder wirklich lernen
Kinder lernen von Anfang an – und sie lernen viel. Doch wie sie lernen, verändert sich im Laufe ihrer Entwicklung.
In den ersten Lebensjahren geschieht das Lernen vor allem beiläufig – durch Spielen, Erkunden und Nachahmen. Dieses sogenannte implizite Lernen ist die natürliche Lernform von Kindern. Erst etwa ab dem sechsten Lebensjahr entwickeln sich zunehmend Fähigkeiten für bewusstes, gezieltes Lernen – also das, was im schulischen Unterricht gefordert wird.
Das bedeutet nicht, dass jüngere Kinder nicht auch schon an diese Form des Lernens herangeführt werden können. Aber sie lernen am besten auf ihre eigene Weise. Genau hier liegt die Stärke der Kita: Sie soll Spielen und Lernen auf natürliche Weise miteinander verbinden und Räume schaffen, in denen Kinder sich ausprobieren können – ohne Druck und mit viel Unterstützung. So wird die natürliche Neugierde der Kinder gefördert und Spaß und Lernen miteinander verbinden.
Raum schaffen um fürs Leben zu lernen
Statt den Fokus früh auf schulische Inhalte zu legen, sollte es darum gehen, ein stabiles Fundament zu schaffen. Was Kinder in dieser Zeit lernen, begleitet sie weit über den Schulstart hinaus. Es bildet die Basis für lebenslanges Lernen und für ein verantwortungsvolles Miteinander.
Kinder brauchen vor allem: Neugier und Freude am Lernen, die Fähigkeit, sich auszudrücken – mit Worten, aber auch ohne, Konzentration und Ausdauer, Vertrauen in sich selbst und in ihre Umwelt, sowie die Fähigkeit, mit anderen in Beziehung zu treten und sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Diese Grundlagen können nicht nur durch Arbeitsblätter entstehen, sie müssen auch durch Erfahrungen erlernt werden dürfen: durch gemeinsames Spielen, durch Gespräche, durch kreatives Ausprobieren und durch das Entdecken der Welt.
Auch Begegnungen mit Sprache, Schrift, Zahlen und Naturphänomenen gehören dazu – jedoch immer eingebettet in spielerische und kindgerechte Zusammenhänge. Was in dieser Zeit passiert, ist kein Erarbeiten eines „Vorsprungs“, sondern die Entstehung eines Fundaments das trägt.
Musik als Anker – nicht nur als Zusatz
In der Vorschule wird sie leider häufig an den Rand gerückt, obwohl sie so wichtig als Entwicklungsgrundlage ist, das Herzstück der bunte töne musikkindergärten; die Musik. Wenn Musik als elementarer Bestandteil des Alltags verstanden wird, wird die Entwicklung von Kindern gefördert, Orientierung geschaffen und dadurch werden Kinder gestärkt. Gerade dann wenn Musik Kindern schon ihr ganzes Leben begleiten durfte – warum sollte der rote Faden, der sich durch die Entwicklung der Kinder zieht plötzlich in den Hintergrund rücken? Einen guten Grund gibt es dafür nicht. Trotzdem wird Musik in der Schule meistens zum Nebenfach. Und schon im Übergang von der Kita zur Schule wird Musik meistens nicht als das wertvolle Werkzeug gehandhabt das sie ist.
Bei uns ist Musik kein Zusatz, sie ist der Leitfaden. Deshalb dürfen unsere Vorschulkinder täglich singen, trommeln und sich bewegen. Rhythmen spüren und Muster verstehen, Instrumente ausprobieren und sogar schon erste eigene Songwriting-Ideen ausarbeiten. Kinder lernen durch Instrumentenkunde die Instrumente die sie bereits selbst anfassen und womit sie sich ausdrücken können, auch als Lernwerkzeug kennen, denn Takte zählen und Noten lernen, führt sie auf eine spaßige Art an Mathematik und eine Form der Symbolsprache heran.
Was Musik konkret für die Schulfähigkeit leistet
Musik fördert auf vielfältige Art und Weise genau die Fähigkeiten, die Kinder in der Schule brauchen:
- Konzentration & Aufmerksamkeit: Das genaue Hinhören bei Musik (Rhythmus, Melodie, Klang) trainiert die Fähigkeit, bei einer Aufgabe zu bleiben.
- Arbeitsgedächtnis: Beim Singen, Trommeln oder Nachspielen müssen Kinder sich etwas merken. Das stärkt das Gedächtnis, das sie im Unterricht brauchen.
- Impulskontrolle & Selbstregulation: In der Musik warten Kinder auf ihren Einsatz, hören aufeinander und steuern sich. Die Impulskontrolle und Selbstregulation, die sie dadurch erlernen ist wichtig für Regeln, Stillarbeit und Gruppenfähigkeit.
- Sprachrhythmus & Satzmelodie (Prosodie): Musik schult Sprachrhythmus, Betonung und Sprachgefühl. Sie bildet also Grundlagen für das Lesen, das Schreiben und flüssige Sprache.
- Feinmotorik & Stifthaltung: Instrumente spielen fördert Fingerkraft, Geschicklichkeit und Koordination – das erleichtert später das Schreibenlernen.
- Mathematische Vorläuferkompetenzen: Rhythmen sind Muster, die Wiederholungen, Zählen und Gliedern fordern – genau die Denkstrukturen, die Mathe erfordert.
- Soziale Kompetenz & Gruppenfähigkeit: Gemeinsames Musizieren erfordert das Mitwirken, Zuhören und die gegenseitige Rücksichtnahme, um gemeinsam etwas zu schaffen. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für das Lernen in einer Klassengemeinschaft.
- Selbstbewusstsein & Mut: Auf der Bühne zu stehen, etwas vorzutragen und gemeinsam aufzutreten stärkt Mut und Selbstbewusstsein. Kinder die selbstbewusst und mutig sind trauen sich eher, in der Schule zu sprechen.

Und nicht nur auf Grund der vielen Fähigkeiten die durch Musik erlernt und vertieft werden können ist es für Kinder wertvoll Musik im Mittelpunkt ihres Alltags haben zu dürfen. Wenn man beobachtet, wie Kinder mit Musik umgehen, wird schnell deutlich: Musik ist für sie nichts Zusätzliches. Sie ist einfach da. Gerade im letzten Kita-Jahr kann Musik deshalb eine wichtige Rolle spielen. Sie begleitet Übergänge, schafft Rituale und gibt Orientierung im Alltag. Ein Lied am Morgen. Ein vertrauter Rhythmus zwischendurch. Eine Melodie, die wiederkehrt. Solche Momente geben Halt – auch dann, wenn sich vieles verändert.
Die letzten Aufführungen
Eine besondere Art gemeinsam zu musizieren ist die der Aufführung. Diese bietet nicht nur ein schönes Highlight für die Eltern, die einen Einblick darin bekommen, was ihre Kinder fleißig zusammen eingeübt haben, sondern insbesondere für die Kinder die stolz präsentieren dürfen woran sie lange gearbeitet arbeiten. Das ist sowohl ein Gemeinschaft förderndes Erlebnis, denn über einen längeren Zeitraum etwas zusammen einzustudieren erfordert natürlich ganz schön viel Zusammenarbeit, als auch ein persönliches Erfolgserlebnis, dass das Selbstbewusstsein stärken und den Kindern zeigen kann, was sie alles schaffen können. Besonders schön ist es für die Kinder natürlich ihren Moment auf der Bühne zu haben – und danach in die stolzen Gesichter der Familienmitglieder zu schauen, die gekommen sind um ihnen zuzusehen. Aber der Weg dorthin, die gemeinsame Entwicklung, die Proben und die Vorfreude, machen genauso viel Spaß. Und die letzten Aufführungen in der Kita sind natürlich besonders schöne Erinnerungen, auf die die Kinder stolz zurückblicken können wenn sie in der Schule sind.
Vorschule bei den bunten tönen
Die Vorschule in der Kita heißt für die Vorschulkinder erstmal eins: „Wir sind endlich mal die Großen!“ Die Freude ist häufig groß, denn als die größten Kinder in der Kita weiß man, dass man den Kleinen als Expert*innen für den Kita-Alltag ein Vorbild sein kann. Das stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern auch die Selbstwirksamkeit. Die Kinder dürfen sich in der Rolle der helfenden Großen sehen und Patenschaften für die jüngeren Kinder übernehmen, die manchmal noch mehr Hilfe im Alltag brauchen als sie und übernehmen diese Verantwortung gerne. Eine Erfahrung die sie in der Schule erstmal nicht mehr machen können, denn da sind sie wieder die Kleinen. Dennoch ist es gerade im letzten Jahr im Kindergarten wichtig viel Zeit mit gleichaltrigen Kindern verbringen zu können, weshalb sie dieses Jahr vorwiegend in einer kleinen altershomogenen Gruppe verbringen, ähnlich wie in der Vorschule der Grundschule, nur persönlicher und viel ruhiger. Sie ziehen mit dieser altershomogenen Gruppe zum Beispiel in unser Vorschulhaus, so haben sie Raum sich zu entfalten an einem neuen Ort, der sie dennoch nicht aus ihrem gewohnten Umfeld reißt. Die Größe der Gruppe sorgt dafür das die vertrauten Bezugserzieher*innen individueller auf die Interessen der neugierigen Vorschüler*innen eingehen können.
Kinder lernen am besten wenn sie sich an ihrem Lernort sicher fühlen, weshalb es wichtig ist dafür zu sorgen, dass sie einander und ihren Erzieher*innen oder Lehrkräften vertrauen. In der Kita sind die Bausteine dafür schon in den Jahren davor gelegt wurden, deshalb verstehen sich die „Großen“ schnell als Gemeinschaft und anstatt die ersten Monate des Vorschuljahres damit zu verbringen diese Gemeinschaft langsam zu schaffen, kann direkt in die Vorschularbeit gestartet werden.
Dafür wird quartalsweise ein Thema gewählt das gemeinsam angegangen wird. In „Lernstationen“ aufbereitetes Arbeitsmaterial ist frei zugänglich und motiviert die Kinder sich auch selbstständig mit Themen zu beschäftigen die sie interessieren.
Der Vorschulraum ist so aufgebaut, dass er Schule „anklingen“ lässt, aber die Wärme des Kindergartens ausstrahlt. Neben einer großen zentralen Tafel, Lerninseln für Sprache, Mathematik, Natur und Kunst, einem Forschungsbereich, in welchem Experimente stattfinden, ist auch ein Keyboard im Raum zu finden. Nicht zu vergessen: eine Spiel- und Kuschelecke.
Die Vorschulkinder haben bereits einen strukturierten Wochenplan und die Inhalte die den Vorschüler*innen vermittelt werden sind genau die, die auch in der Vorschule der Grundschule vermittelt werden – ergänzt durch ein deutlich ausgeprägteres Musik Angebot. Ein*e Kunstpädagog*in, ein*e Musikpädagog*in und ein Trommellehrer begleiten ihre Vorschulzeit, um den Kindern verschiedene Zugänge zu Kreativität, Musik und Bewegung zu ermöglichen. Auch ein Medienraum ergänzt das Lernangebot; ein Ort der eigens dafür eingerichtet ist sanft, begleitet und sinnvoll an den kindgerechten Umgang mit Medien heranzuführen. Im Medienraum können die Kinder mit Büchern, Hörspielen, Klangreisen und sogar Songwriting-Apps zum kreativen Ausprobieren interagieren.
Natürlich dürfen die Kinder, auch wenn sie in der Kita Vorschule machen, schon einen Teil der Schule kennenlernen. Ein Besuch eine*r Verkehrspolizist*in bereitet sie sicher auf den zukünftigen Schulbesuch vor, eine Grundschule in der Nähe wird gemeinsam besucht und der Besuch der Einschulung von ehemaligen Kita-Kindern lässt Vorfreude aufkommen.

Letzter Blick: Vorschule – ein Jahr das trägt
Es gibt nicht die eine Antwort darauf wo Kinder am besten zur Vorschule gehen sollten. Aber am wichtigsten ist es doch dem eigenen Kind alles mitzugeben, was es braucht um zu einer selbstbewussten Person zu werden, die durch ihre innere Sicherheit dazu befähigt ist der Welt mit Neugierde zu begegnen und freudig Antworten auf Fragen zu finden. Kindern Musik in ihren eigenen Werkzeugkasten zu legen unterstützt das Erfahren dieser Selbstwirksamkeit. Mit Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse an das Lebenslange Lernen herangeführt zu werden ist ein Geschenk, dass jedem Kind nachhaltig erhalten bleibt. Dieses Geschenk sorgt nicht nur für einen guten Start in die Schule, sondern vor allem für einen guten Start ins weitere Leben.
