Zwischen Schutz und Stärke: Resilienz im Kindesalter

Zwischen Schutz und Stärke: Resilienz im Kindesalter

Kinder schützen und sie trotzdem vorbereiten

Kinder vor Belastungen schützen zu wollen ist ein natürlicher Impuls. Niemand möchte, dass das eigene Kind mit schwierigen Erfahrungen konfrontiert wird. Gleichzeitig lassen sich belastende Situationen nicht vollständig vermeiden. 

Stress in der Schule, Konflikte mit anderen Kindern, Leistungsdruck oder das Gefühl, nicht dazuzugehören. Im Laufe ihres Lebens werden Kinder immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert werden.
Auch schwerwiegende Erfahrungen wie Schicksalsschläge, zum Beispiel der Tod eines Familienmitglieds, Krisen, wie etwa eine Pandemie und sogar Kriege, können das Leben plötzlich verändern.

Daraus entsteht eine wichtige Frage, die viele Eltern begleitet: Wie kann ich mein Kind so begleiten, dass es nicht nur geschützt ist, sondern auch lernt mit Belastungen umzugehen?

Was ist Resilienz eigentlich?

Der Begriff Resilienz kommt ursprünglich aus der Physik. Er beschreibt die Fähigkeit eines Materials, nach Momenten extremer Spannung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzufinden – wie ein Gummiband, das sich dehnen lässt und danach in seinen Ursprungszustand zurückkehrt.

In der Psychologie beschreibt Resilienz die psychische Widerstandsfähigkeit, also eine innere Widerstandsfähigkeit, die äußeren Umständen standhalten kann. Diese Fähigkeit hilft Belastungen auszuhalten, schwierige Situationen zu bewältigen und danach wieder in eine innere Stabilität zurückzufinden. 

Dabei bedeutet Resilienz nicht, dass Kinder alles allein schaffen sollten, ganz im Gegenteil. Resilienz bedeutet zu lernen mit schwierigen Momenten umzugehen und gleichzeitig zu wissen, dass es wichtig ist Unterstützung anzunehmen, wenn etwas alleine nicht zu bewältigen ist.

Ganz entscheidend ist, dass Resilienz keine Eigenschaft ist mit der man geboren wird, sondern eine Eigenschaft, die erworben werden kann 

und sich ständig entwickelt. Schritt für Schritt. Durch Erfahrungen, durch Beziehungen und durch das, was Kinder im Alltag erleben.

Wie Resilienz früh entsteht

Nicht nur weil Resilienz so ein wichtige Fähigkeit ist, ist es wichtig sie früh zu fördern. Die Grundlage für Resilienz entsteht sehr früh – oft in Momenten, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Teil dieser Grundlage ist die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen. 

Überbehütung oder mangelnde Zuverlässigkeit in der frühen Kindheit führen zu einer unsicheren Bindung. Dadurch kann es schwerer werden, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln oder Hilfe gut anzunehmen. Das kann dazu führen, dass Kinder auch im späteren Leben noch Schwierigkeiten haben Hilfe anzunehmen oder mit starkem Stress umzugehen. 

Wenn Kinder allerdings erleben, dass ihre Bedürfnisse gesehen werden, dass jemand reagiert, wenn etwas schwierig ist und sie gleichzeitig in ihrer Selbstständigkeit begleitet werden, entsteht etwas Fundamentales: ein Gefühl von Sicherheit.

Resilienz entsteht nicht dadurch, dass Kinder von allem Schwierigen ferngehalten werden.
Sie entsteht dort, wo sie Erfahrungen machen dürfen und dabei nicht allein bleiben.

Kinder schauen sich auch an wie ihre Bezugspersonen, gerade ihre Eltern, mit belastenden Situationen umgehen und schauen sich ihre Verhaltensweisen ab. Wenn beim Beobachten der Erwachsenen gelernt wird, dass schwierige Erfahrungen zum Leben dazugehören und wie man damit umgehen kann etwas nicht alleine zu schaffen, dann ist es auch leichter selbst zu akzeptieren, dass es schwierige Situationen gibt und Vertrauen darin zu haben, dass diese Situationen gelöst werden können.

Natürlich brauchen Kinder Schutz. Sie brauchen allerdings auch Situationen, in denen Frust aufkommt; Augenblicke, in denen sie selbst nach einer Lösung suchen dürfen und Momente, in denen etwas nicht sofort gelingt. Und Menschen, die da sind, wenn etwas doch zu viel wird. 

Genau in diesem Zusammenspiel entsteht langsam das Vertrauen, Herausforderungen bewältigen zu können. Resilienz ist deshalb weniger ein Zustand, der irgendwann erreicht ist. Sie ist eher ein Prozess, der sich entwickelt. Und oft beginnt der genau dort, wo Kinder zum ersten Mal merken: „Ich kann etwas schaffen und wenn nicht, ist das auch okay.“

Wie kann Resilienz gefördert werden? 

Bedingungen zu schaffen, die Kindern helfen mit Stress und schwierigen Situationen besser umzugehen und sich innerlich zu stabilisieren, ist sowohl zuhause, als auch in der Kita wichtig. Diese Faktoren helfen Kindern resilienter zu werden und können auch auf erwachsenen Menschen übertragen werden:

Sichere Bindungen und soziale Unterstützung

Verlässliche Bezugspersonen, die feinfühlig auf Bedürfnisse reagieren sorgen für ein Gefühl von: „Ich bin nicht allein.“ Stabile Beziehungen zu Familie, in der Kita und zu Freund*innen sorgen für ein Gefühl von „Ich habe Menschen, die mich auffangen.“

Gemeinschaft erleben

Beim gemeinsamen Spielen und Musizieren lernen Kindern zusammen Verantwortung zu tragen und erleben sich als Teil einer stabilen sozialen Struktur.

Selbstwirksamkeit fördern

Dinge selbst ausprobieren zu dürfen und auch dazu ermutigt zu werden führt zu Erfolgserlebnissen und zu dem Erleben, dass das eigene Handeln etwas bewirkt. Gerade wenn häufiger die Erfahrung gemacht wird, dass etwas nicht sofort klappt, aber nachdem man es mehrmals versucht hat schon oder dass es über die Zeit besser klappt, dann stärkt diese Erfahrung das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. 

Gefühle begleiten

Wenn die eigenen Gefühle von Bezugspersonen ernstgenommen werden, können sich Kinder leicht auf ein gemeinsames Regulieren einlassen. Das hilft auch bei der Entwicklung von Empathie. Kinder, die darin ermutigt werden Gefühle wahrzunehmen und zu benennen, lernen besser mit negativen Gefühlen umzugehen und ihre Emotionen zu regulieren. 

Struktur und Verlässlichkeit

Klare, vorhersehbare Abläufe, Rituale und verständliche Regeln geben Kindern Orientierung und Sicherheit, sowohl zuhause, als auch in der Kita. Das heißt nicht, dass jede Regel starr befolgt werden muss oder gar kein Spielraum im Tagesablauf zu finden sein darf, sondern vielmehr, dass es einen Rahmen geben sollte, auf den sich Kinder verlassen können. 

Angemessene Erwartungen

Sowohl Überforderung als auch Unterforderung können die Entwicklung hemmen. Zu hohe Erwartungen führen zu Druck und dem Wunsch nach Perfektion, zu wenig Anregung und Entwicklungsraum zu weniger Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.

Positives Selbstbild fördern

Anerkennung und Wertschätzung im Alltag und eine offene Fehlerkultur, die vermittelt, dass man immer noch gut ist wie man ist, wenn man mal einen Fehler macht oder etwas nicht schafft, helfen Kindern dabei ein positives Selbstbild aufzubauen. Auch das Selbstbild der eigenen Eltern und positive Glaubenssätze können dabei helfen zu verinnerlichen: „Ich bin gut, so wie ich bin.“

Zwischen Schutz und Stärke: Resilienz im Kindesalter – ein letzter Blick

Resilienz zu stärken ist unglaublich wichtig in jedem Lebensalter, denn niemand kann vor schwierigen Situationen bewahrt werden. Aber wenn schon früh darauf vorbereitet wird schwierige Situationen zu bewältigen und Hilfe anzunehmen wenn sie notwendig ist, dann stehen die Chancen gut, Krisen gut zu überstehen. Dabei geht es nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um den Alltag. In Beziehungen, Erfahrungen und im Umgang mit kleinen und großen Herausforderungen entsteht Resilienz. Denn wichtig ist vor allem das Gefühl: „Ich bin nicht allein und ich kann ganz viel schaffen.“

von Lei Kassama