So viele Bildschirme
Als Kinder haben wir vielleicht fast nur im Matsch getobt, bei den Nachbarskindern geklingelt, um mit ihnen draußen zu spielen, gemalt und mit Puppen gespielt. Deshalb halten wir manchmal an der Vorstellung fest, dass eine gute Kindheit für unsere Kinder auch nur daraus bestehen sollte. In dieses Bild passt der ständige Zugang, den wir heutzutage zu vielen Plattformen und Streamingdiensten und damit zu unzähligen Videos, Serien und Filmen haben, nicht unbedingt rein.
Selbstverständlich sind draußen spielen, sich mit anderen Kindern treffen, sich kreativ ausleben und mit Spielzeugen spielen Teil einer erfüllten Kindheit und natürlich sollte kein Kind den ganzen Tag auf einen Bildschirm starren. Wegdenken können wir die Bildschirme, die wir selber nun so viel benutzen, allerdings auch nicht mehr. Daher müssen wir unseren Kindern helfen, einen bewussten Umgang mit digitalen Medien zu finden. Wir entscheiden, welche YouTube-Videos und Serien sie konsumieren dürfen und wie viel Bildschirmzeit am Tag angemessen ist.
Für Kinder bis zu drei Jahren ist es am besten, noch so gut es geht auf Bildschirmzeit zu verzichten. Im Alter von vier bis fünf Jahren ist höchstens eine halbe Stunde Bildschirmzeit pro Tag angemessen; ab sechs Jahren kann auf bis zu eine Stunde erhöht werden. Dennoch sollten junge Kinder nicht alleine bestimmen, was für Serien sie gucken.
Auch sollte einem bewusst sein, dass die digitalen Medien und die Breite an Kinderserien nicht nur Gefahren mit sich bringen, sondern auch Potenzial. In angemessenem Maße kann das Konsumieren von pädagogisch wertvollen Kinderserien die Kinder bereichern – und auch die Erwachsenen. Aber manchmal ist es nicht einfach, bei dem großen Angebot den Überblick zu behalten. Was macht also eine pädagogisch wertvolle Kinderserie aus?
Bluey
Ein ausgezeichnetes Beispiel für eine pädagogisch wertvolle Kinderserie ist die australische Serie „Bluey“. „Bluey“ ist eine Serie für Kinder im Vorschulalter über eine Familie anthropomorphischer australischer Treibhunde. Die Familie Heeler besteht aus Mum „Chilli“, Dad „Bandit“, der sechsjährigen Tochter „Bluey“ und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester „Bingo“, die im australischen Brisbane wohnen und in ihrem Familienalltag viel miteinander spielen. Nicht nur die Kinder haben viel Fantasie, auch die Eltern spielen mit und begleiten die Töchter in ihren Fantasiewelten, in denen sie gemeinsam Spaß haben und kleinere und größere Konflikte lösen.
Die Bedeutsamkeit des freien Spiels
Freies Spiel wird in der Serie nicht nur thematisiert, sondern auch aktiv durch sie gefördert. Schon in der ersten Folge wird die Bedeutung des freien Spiels für die Familie deutlich, denn diese erzählt davon, wie „Bluey“ und „Bingo“ mit einem magischen Xylophon spielen, das ihren Vater mit einem Schlag in eine Statue verwandeln kann.
Die beiden haben eine Menge Spaß mit ihrem Vater, der sich mit in die von ihnen geschaffene Fantasiewelt begibt, und gemeinsam werden die Möglichkeiten des magischen Xylophons ausgeschöpft. Das gemeinsame Spielen bringt die beiden dazu, eigenständig den Konflikt zu lösen, der aufkommt, als „Bluey“ ihrer kleinen Schwester zuerst nicht erlaubt, auch mal das Xylophon zu benutzen. Auch in den folgenden Episoden kann beobachtet werden, wie die beiden Schwestern während des gemeinsamen Spielens Konflikte ausloten und Probleme innerhalb und außerhalb ihrer Spielwelt lösen.
Hier stehen nicht Leistung und Wettbewerb im Fokus, sondern die eigene Fantasie und das gemeinsame Ausprobieren; ganz ohne messbare Ergebnisse. Dadurch wird der Wert des freien Spiels nicht nur dargestellt, sondern auch zum Nachspielen und zum Selbsterfinden animiert. Denn die Materialien, die zum Spielen genutzt werden, sind wenige, wodurch Kinder sehen, dass sie keine besonderen Spielsachen brauchen, um Spaß zu haben, und die Hürde, selbst kreativ zu werden, sinkt. Die Freude am Spielen kann beobachtet werden und da das Modelllernen, also das Lernen durch das Beobachten anderer und anschließende Übernehmen positiv dargestellter Verhaltensweisen, für Kinder natürlich ist, kann schon dieses Beobachten eine positive Wirkung auf sie haben. Außerdem können Kinder durch die Darstellung des Vaters in der Folge sehen, dass Erwachsene nicht nur Regeln aufstellen oder Aufgaben verteilen, sondern auch aktive Spielpartner*innen sein können.

Liebevolle und respektvolle Eltern als Orientierung
Kinder orientieren sich stark an den Beziehungen, die sie beobachten. Deshalb ist die Darstellung der Elternfiguren in „Bluey“ besonders bedeutsam. Die Eltern der beiden Schwestern werden durchgängig als verlässlich und unterstützend dargestellt, was ein Bild davon vermitteln kann, wie sichere Beziehungen aussehen können. Genauso ist zu sehen, dass die Eltern auch Fehler machen können. Sie sind manchmal erschöpft, reagieren ungeduldig und natürlich gibt es nicht nur zwischen den beiden Mädchen Konflikte, sondern auch zwischen Eltern und Kindern. Kinder können daran sehen: Jeder macht Fehler. Was zählt, ist, wie man damit umgeht. „Bandit“ und „Chilli“ übernehmen Verantwortung, wenn sie Fehler machen. Sie entschuldigen sich, bemühen sich, Konflikte gemeinsam zu lösen, und reagieren auf die Gefühle ihrer Kinder. Das hilft auch ihren Kindern dabei, sich zu entschuldigen, wenn sie jemanden verletzen, und gibt ihnen Werkzeuge an die Hand, um Konflikte selbst zu lösen. Wenn Erwachsene in einer Serie die Perspektive von Kindern ernst nehmen, erleben Zuschauende, wie Empathie praktisch aussieht. Außerdem lernen sie zusammen mit „Bluey“ und „Bingo“ Strategien für den Umgang mit Konflikten und finden Worte für ihre Gefühle. Die Serie ist gut darin, zu vermitteln, dass gute Beziehungen nicht durch Perfektion, sondern durch Respekt, Verständnis und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, entstehen. Auch verkörpert Familie Heeler ein realistisches, modernes Familienbild. Denn Chilli und Bandit arbeiten beide, kümmern sich beide um den Haushalt und sind beide präsente Eltern.
Aufbrechen von Geschlechterrollen
Angefangen bei den beiden Eltern von „Bluey“ und „Bingo“ schafft die Serie es, sich von starren Rollenbildern abzuwenden. „Bandit“ ist ein fürsorglicher Vater, der mit seinen Kindern über seine und ihre Gefühle spricht. „Chilli“ ist eine einfühlsame Mutter, aber auch eine Person mit eigenen Bedürfnissen. Werden starre Vorstellungen von Geschlecht aufgebrochen, dann lernen Kinder, dass sie ihre Interessen frei wählen dürfen: Ein Junge darf sensibel sein und ein Mädchen abenteuerlustig. „Bluey“ zeigt, dass Kinder unterschiedliche Interessen haben dürfen, ohne dass etwas als „typisch Junge“ oder „typisch Mädchen“ dargestellt wird.
Wenn Kinder in ihrer Entwicklung weniger eingeschränkt werden, können sie unterschiedliche Interessen ausprobieren und Fähigkeiten schulen. Das hilft bei der Entwicklung vielfältiger sozialer und emotionaler Kompetenzen. Zu lernen, dass Fähigkeiten nicht an ein Geschlecht gebunden sind, kann außerdem dabei helfen, Vorurteile abzubauen, und fördert Offenheit und den Respekt gegenüber anderen Menschen. Die Serie vermittelt nicht, dass bestimmte Geschlechterrollen falsch sind – sie zeigt vielmehr, dass Menschen unterschiedlich sind und sein dürfen.
Emotionale Bildung
Die emotionale Entwicklung nimmt einen wichtigen Platz in „Bluey“ ein. Gefühle wie Trauer, Frustration, Eifersucht, Enttäuschung und Angst – um nur ein paar der Gefühle zu nennen – werden altersgerecht dargestellt und ernst genommen. Kinder können von den Charakteren Möglichkeiten lernen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, sie zu erkennen und zu benennen. Konflikte werden dabei selten durch Strafen gelöst. Stattdessen stehen Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und gemeinsame Lösungsfindung im Mittelpunkt. Die emotionale Bildung geschieht auch nicht belehrend, sondern eingebettet in alltägliche Situationen, die vielen Familien vertraut vorkommen könnten. Die dargestellten Erfahrungen sind dadurch nachvollziehbar und wirken authentisch.
Respekt gegenüber Kindern
Eine weitere besondere Stärke von „Bluey“ ist der respektvolle Blick auf Kinder. Die Serie zeigt Kinder als eigenständige Menschen mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Perspektiven; nicht etwa als unfertige Erwachsene.

Ihre Anliegen werden ernstgenommen und ihre Ideen sind wertvoll. Dadurch erfahren Kinder, dass sie und damit ihre Gedanken, Gefühle und Ideen wertvoll und wichtig sind. Das kann das Gefühl der Selbstwirksamkeit bei den jungen Zuschauer*innen stärken. Gerade diese Botschaft ist für eine gesunde Entwicklung von großer Bedeutung. Gleichzeitig können sie lernen, dass Respekt gegenüber anderen Kindern und auch Erwachsenen auch heißt, Grenzen anderer Menschen zu respektieren.
Bluey ist auch für Erwachsene interessant.
Ein toller Bonus von „Bluey“ ist, dass die Serie sich hervorragend für gemeinsames Fernsehen eignet. Denn obwohl sich „Bluey“ in erster Linie an Kinder richtet, bietet die Serie auch Erwachsenen viel. Die Kinderserie schafft es immer wieder, berührende Geschichten zu erzählen, und viele Folgen enthalten Situationen aus dem Alltag vieler Eltern. Kinder und Eltern können die Serie gemeinsam erleben und dabei oft unterschiedliche Aspekte entdecken. Außerdem bietet sie die Gelegenheit, den Wert von Fantasie, gemeinsamer Zeit und spielerischer Leichtigkeit neu zu entdecken.
Bluey – ein letzter Blick
Es gibt viele Kinderserien, die auf unterschiedliche Weise pädagogisch wertvoll sind. „Bluey“ sticht jedoch besonders hervor. Sie verbindet Themen wie freies Spiel, emotionale Entwicklung, respektvolle Kommunikation und vielfältige Rollenbilder auf eine mitreißende Art und Weise. Dabei belehrt sie nicht, sondern zeigt durch alltägliche und häufig auch berührende Geschichten, wie Kinder und Erwachsene miteinander wachsen können Diese Mischung aus Unterhaltung, Realitätsnähe und pädagogischem Mehrwert macht „Bluey“ zu etwas Besonderem.
Von Lei Kassama
